„Man muss die Bedürfnisse der Nutzer kennen“

Christine Regitz ist seit 2016 ehrenamtliche Vizepräsidentin der Gesellschaft für Informatik e. V. Zuvor hatte sie für diese bereits sechs Jahre als Präsidiumsmitglied sowie Sprecherin der Fachgruppe „Frauen und Informatik“ fungiert.

In ihrem Hauptberuf sitzt sie im Aufsichtsrat der SAP SE und ist außerdem Vice President User Experience in der Anwendungsentwicklung ihres Unternehmens. Dabei ist sie derzeit in zentraler Rolle für SAP Fiori und SAP Cloud Platform im Bereich Industrie Cloud verantwortlich. Zuvor lagen ihre Schwerpunkte in den Bereichen Manufacturing Industries, Transportation Management und in Industrielösungen für Retail/Consumer Industries und Energy Management.

Christine Regitz ist Mitglied im erweiterten Vorstand des Bitkom-Arbeitskreises „Frauen in der ITK“ und gehört darüber hinaus den Kuratorien der Steinbeis-Stiftung an.

Christine Regitz im Interview

Auf diesem Bild ist das Jurymitglied Christine Regitz abgelichtet.

Christine Regitz

BMBF/Florian Willnauer

Frau Regitz, wo steht die deutsche Wirtschaft bei den Cloud-Technologien im internationalen Vergleich?

Die positive Nachricht ist: Die Nutzung von Cloud Computing in Unternehmen boomt. Aus Perspektive der Anbieter solcher Technologien muss man allerdings festhalten: Cloud-Technologie ist nicht gleich Cloud-Technologie. Sprechen wir von der Public oder der Private Cloud – oder geht es um eine hybride Form aus beidem? Zudem macht es einen Unterschied, ob ein Unternehmen Infrastruktur, Software oder andere hochwertige Services aus der Cloud bezieht.

Im Massengeschäft haben sicherlich die US-amerikanischen Unternehmen die Nase vorn. Wenn es um hochspezialisierte und sehr sichere Services wie Enterprise-Resource-Planning-Tools oder Customer-Relationship-Management-Tools für spezielle Anwendungsbereiche und Industrien aus der Cloud geht, die insbesondere mittelständische Unternehmen bedienen, sind deutsche Anbieter sehr gut aufgestellt.

Warum ist Cloud Computing so wichtig für die Industrie 4.0?

Grundlage für die Industrie 4.0 ist die Vernetzung der verschiedenen Komponenten, Werkstücke und Anlagen im Produktionsprozess. Eine solche umfassende Vernetzung lässt sich aber nur realisieren, wenn nicht jede Anlage an einem eigenen Rechner hängt, sondern die Daten sehr effizient und ohne Verzögerung verarbeitet werden können – und das geht nun mal am besten über entsprechende Cloud-Lösungen. Deutschland verfügt über ein starkes verarbeitendes und ein sehr modernes produzierendes Gewerbe und ist führend bei der Entwicklung von Lösungen für Industrie 4.0. Allerdings sind cloudbasierte Lösungen nicht in jedem Bereich zwangsläufig die sinnvollsten.

Wie können Software-Unternehmen die Bedienbarkeit ihrer Produkte noch weiter verbessern?

Entscheidend ist, dass die Unternehmen die Nutzerinnen und Nutzer in den Vordergrund stellen. Das klingt banal, wurde und wird aber leider häufig vergessen. Und da hilft es auch nicht, sich den Kunden vorzustellen, und dann darauf los zu entwickeln: Den Nutzer ins Zentrum zu stellen, heißt zunächst einmal, dessen Bedürfnisse genau zu kennen – und sich dann in einem fortwährenden Prozess ständig zu hinterfragen. Methoden wie Design Thinking, iterative Ansätze und agile Entwicklungsmethoden können dabei helfen, den Kundennutzen nicht aus dem Fokus zu verlieren. Gerade in den Bereichen User Interfaces und User Experience hat sich aber in den letzten Jahren wirklich eine Menge getan.

Warum engagieren Sie sich in der Jury für den CEBIT Innovation Award?

Die Digitalisierung prägt unser Leben in zunehmendem Maße. Über die gesellschaftliche Akzeptanz digitaler Innovationen entscheidet, neben der Leistungsfähigkeit und dem individuellen Nutzen, vor allem die einfache Bedienbarkeit. Der CEBIT Innovation Award macht die Vielfalt, Innovationskraft und vor allem die Alltagstauglichkeit von solchen digitalen Innovationen sichtbar. Dieses Thema liegt mir sehr am Herzen, weil ich lange für die User Experience zuständig war und diese insbesondere Informatikerinnen anspricht.

Inwieweit kann der Preis dazu beitragen, dass Frauen sich stärker an technischen Innovationen beteiligen oder auch ihr Beitrag daran sichtbarer wird?

Ich kämpfe ja schon seit etlichen Jahren für mehr Frauen in unserem Fach. Von daher begrüße ich den Wettbewerb sehr: Er richtet sich zwar an Informatikerinnen und Informatiker im Allgemeinen, vor allem aber an Entwicklerinnen und Entwickler auf den Gebieten Computergrafik, Datenfusion, Design oder Usability Labs. Ich denke schon, dass dieses Profil verstärkt Frauen ansprechen kann. Und auch der hohe Frauenanteil in der Jury könnte dazu führen, dass sich besonders Frauen zur Teilnahme animiert fühlen. Das würde mich sehr freuen, denn wir brauchen diese positiven Beispiele, um mehr Mädchen und Frauen für unsere Themen zu begeistern.

Inwieweit kann ein Wettbewerb wie dieser die Bereitschaft steigern, Zeit und finanzielle Ressourcen in Innovationen zu investieren?

Solche Preise sind enorm wichtig: Sie sind Anerkennung für geleistete Arbeit und Ansporn, den beschrittenen Weg fortzusetzen. Die finanzielle Unterstützung ist sicherlich ein willkommener Nebeneffekt, steht aber aus meiner Sicht nicht im Vordergrund. Viel wichtiger ist die Aufmerksamkeit, die ein solcher Preis auf die Innovationen lenkt – das öffnet häufig Türen, die vorher verschlossen geblieben sind. Als Gesellschaft für Informatik verleihen wir ja auch einen Innovations- und Entrepreneurpreis – und da machen wir genau diese Erfahrung.

Welchen Stellenwert genießt der CEBIT Innovation Award in Ihrer Branche?

Der Stellenwert ist sehr hoch. Das hat mit dem Renommee und der Bedeutung der Partner, der Qualität der bisherigen Preisträgerinnen und -träger und auch mit der Höhe des Preisgeldes zu tun. Die CEBIT ist eine der wichtigsten IT-Messen weltweit und ich bin überzeugt, dass ihr neues Format der CEBIT noch einmal einen kräftigen Schub geben und damit auch der Innovationspreis noch weiter an Bedeutung gewinnen wird.