„Gesellschaftlicher Wandel durch mehr Transparenz“

Julia Kloiber ist seit 2012 Projektleiterin bei der Open Knowledge Foundation Deutschland e. V., die sich mit digitalen Themen in der Zivilgesellschaft beschäftigt. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit liegen in den Bereichen Open Data und Civic Technology. Im Jahr 2014 startete sie die deutschlandweite Code for Germany Community, die sich mit digitalen Werkzeugen für Bürgerinnen und Bürger beschäftigt und mittlerweile in 26 Städten in Deutschland vertreten ist. Aktuell leitet sie den Prototype Fund, der öffentlich geförderte Software-Projekte im Bereich Datenschutz, Data Literacy und Civic Tech unterstützt. Über den Prototype Fund werden in Partnerschaft mit dem BMBF in den nächsten vier Jahren acht Millionen Euro an gemeinnützige Technologie-Projekte vergeben. Neben ihrer Arbeit für die Open Knowledge Foundation engagiert sich Kloiber unter anderem für das Global Diplomacy Lab und hält Vorträge zu ihren Themenschwerpunkten. Außerdem ist sie Alumna der Global Leadership Academy und Mitglied der Digitalen Gesellschaft, die sich für Grundrechte und Verbraucherschutz im digitalen Raum einsetzt.

Julia Kloiber im Interview

Jurymitglied Julia Kloiber.

Julia Kloiber

BMBF/Florian Willnauer

Frau Kloiber, wo sehen Sie in Deutschland Handlungsbedarf bei Themen wie Open Data oder Civic Technology?

Grundsätzlich geht es darum, neue Technologien als Werkzeug zu begreifen, mit denen auch gesellschaftlicher Wandel unterstützt und vorangetrieben werden kann. Um das volle Potenzial der Entwicklungen ausschöpfen zu können, braucht es bestimmte Grundbedingungen. So sollten etwa Menschen und Organisationen, die sich mit der Entwicklung von digitalen Werkzeugen für Bürgerinnen und Bürger beschäftigen, gefördert und vernetzt werden. Hierbei ist es wichtig, dass Tools und Werkzeuge die „Blasen“ verlassen und möglichst viele Menschen davon profitieren.

Im Bereich von Open Data braucht es gesetzliche Rahmenbedingungen, die den Zugriff auf Informationen regeln. Erst wenn diese Basis gegeben ist, können die Daten in Innovationen und Services einfließen.

Warum ist der freie Zugang zu Daten aus Ihrer Sicht so wichtig für die Gesellschaft?

Zwei der wichtigsten Potenziale von Open Data liegen einerseits im Bereich von Demokratie und Gesellschaft und andererseits in der Wirtschaft. Bei der Ökonomie geht es um die Entwicklung neuer Innovationen, bei Politik und Demokratie um Transparenz und Rechenschaftspflicht. Politische Entscheidungen können durch offene Daten einfacher nachvollzogen und Prozesse besser kontrolliert werden. Auf wirtschaftlicher Seite können mehr Dienstleistungen und bessere Services entstehen. Die Gesellschaft kann demnach auf vielen Ebenen von der Öffnung von Daten und Informationen profitieren.

Welche Civic-Technology-Projekte sind aus Ihrer Sicht besonders gelungen?

Eines der bekanntesten und beliebtesten Civic-Tech-Projekte Deutschlands ist der Wahl-o-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung. Ein bedarfszentriertes, nützliches Tool mit großer Reichweite. Ein weiteres spannendes Projekt kommt von der Code for Germany Community aus Stuttgart: Mithilfe von luftdaten.info können sich Bürgerinnen und Bürger mit einem einfachen Bausatz ein Luftqualitätsmessgerät bauen. Die Geräte sind vernetzt und teilen die Daten mit einer zentralen Plattform, über die sich jeder zu den Luftqualitätswerten informieren kann. Die Initiative gibt es mittlerweile in Städten weltweit. Ein anderes Projekt, das sich einer besonderen Zielgruppe widmet, ist SignDict, ein Wörterbuch für Gebärden. Gebärdensprache ist ein lebendiges Idiom, das sich laufend weiterentwickelt – genau darauf geht das Team mit seinem Projekt ein. Anhand dieser Beispiele wird auch die thematische Breite des Civic-Tech-Feldes sichtbar.

Was raten Sie jungen Entwicklerinnen und Entwicklern bei der Umsetzung von digitalen Innovationen?

Ich rate dazu, nicht die Technologie, sondern eine konkrete Problemstellung ins Zentrum des Unterfangens zu stellen. Die simple Frage „Was will ich mit meiner Entwicklung eigentlich lösen und verbessern und für wen?“ ist essenziell, um nützliche Werkzeuge zu entwickeln. Es ist wichtig, Nutzende und ihre Bedürfnisse gut zu kennen, um bestmöglich darauf eingehen zu können. Ich empfehle auch in interdisziplinären und vielfältig besetzten Teams zu entwickeln – das hilft dabei, unterschiedliche Blickwinkel und Ansichten in die Entwicklung eines Tools mitaufzunehmen. Grundsätzlich ist es wichtig, während der Arbeit an einer neuen Innovation den Blick für die Welt nicht zu verlieren. Es tut gut, die eigene Komfortzone ab und zu bewusst zu verlassen und sich auf Neues einzulassen.

Inwieweit kann ein Wettbewerb wie der CEBIT Innovation Award dazu beitragen, Civic Technology voranzubringen?

Preise wie dieser verleihen Projekten und den Menschen dahinter Sichtbarkeit und eröffnen ihnen neue Möglichkeiten der Kollaboration und Unterstützung. Im Bereich von Civic Tech ist es wichtig, von abstrakten Begriffen und Definitionen wegzukommen und stattdessen über konkrete Beispiele und deren Nutzerinnen und Nutzer zu sprechen. Der CEBIT Innovation Award kann dabei helfen, praxisnah aufzuzeigen, welches Potenzial Technologie für die Gesellschaft haben kann.

Warum engagieren Sie sich in der Jury des CEBIT Innovation Awards?

Zum einen möchte ich mehr Menschen dazu ermutigen, ihre Ideen umzusetzen, und sie dabei unterstützen. Zum anderen habe ich großes Interesse an neuen Entwicklungen und Ansätzen. Ich bin deshalb sehr auf die Einreichungen gespannt und freue mich darauf, neue Projekte kennenzulernen.