„Technologien müssen einfach sein – und Spaß machen“

Prof. Dr. Elisabeth André ist Lehrstuhlinhaberin für Human-Centered Multimedia am Institut für Informatik der Universität Augsburg. Gemeinsam mit rund 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern untersucht sie unterschiedliche Aspekte der Mensch-Computer-Interaktion und arbeitet in mehreren Forschungsprojekten der EU mit. Im Jahr 2017 erhielt Prof. André zu Ehren ihrer herausragenden Leistungen zum Forschungsgebiet Human-Centered Multimedia den SIGCHI Akademie Award. Die Wissenschaftlerin ist außerdem jahrelanges Mitglied der Nationalen Akademie der Naturforscher Leopoldina, der Academia Europaea und der Datenbank AcademiaNet.

Prof. Dr. Elisabeth André im Interview

Auf diesem Bild ist das Jurymitglied Prof. Dr. Elisabeth André abgelichtet.

Prof. Dr. Elisabeth André

BMBF/Florian Willnauer

Welche deutsche IT-Innovation setzt neue Maßstäbe für Benutzerfreundlichkeit?

Bei der Nutzung technischer Systeme geht es nicht nur um Effizienz und Produktivität. Aus Sicht der Nutzerinnen und Nutzer müssen Systeme gut bedienbar sein. Außerdem sollte die Nutzung möglichst auch noch Spaß machen – zumindest aber nicht die gute Laune verderben. Nutzerfreundlichkeit umfasst daher auch eine emotionale Komponente. Die Automobilindustrie beispielsweise hat schon lange erkannt, dass die Beziehung zwischen Fahrzeug und Besitzer eine hoch emotionale Sache ist, bei der es eben nicht nur auf rein funktionale Produkteigenschaften ankommt. Die Entwicklung von Infotainment-Systemen wie iDrive von BMW, MultiMedia Interface von Audi oder COMAND von Mercedes-Benz zeigt, wie Nutzer, die gleichzeitig Fahrer sind, komplexe Funktionen steuern und nutzen können, wobei neben der Sicherheit die Freude an der Bedienung im Vordergrund steht. Dieser Trend wird sich mit der Einführung autonomer Fahrzeuge weiter verstärken. So gibt es Überlegungen, das Automobil vom Fortbewegungsmittel zum digitalen Begleiter weiterzuentwickeln, der seine Fahrgäste nicht nur von A nach B bringt, sondern auch als – nennen wir es mal – Ansprechpartner soziale Interaktion ermöglicht, ähnlich wie zwischen Chauffeur und Passagier.

Wo sehen Sie heute in Deutschland das größte Potenzial für Usability – und wo besteht Nachholbedarf?

Noch vor einigen Jahren kam man im Alltag auch gut ohne Computer und Internet aus. Heute sind vernetzte Computer und Smartphones unverzichtbar geworden – sowohl am Arbeitsplatz als auch im Privaten. Geräte und Apps werden dabei zunehmend komplexer. Die Nutzerfreundlichkeit hat aus meiner Sicht mit dieser Entwicklung nicht Schritt gehalten: Es gibt großen Nachholbedarf bei Alltagsanwendungen. Viele Menschen – nicht nur die in diesem Zusammenhang oft genannten Älteren – sind auf den technischen Beistand von Kolleginnen und Kollegen, Freunden oder Verwandten angewiesen, um einfachste Aufgaben in ihrem Alltagsleben zu erledigen. Kürzlich mussten wir bei einem geschäftlichen Treffen einen Techniker holen, um die Jalousien zu öffnen. Wir wollten einfach den Blick auf die Skyline von Frankfurt genießen und haben es nicht geschafft, der hochmodernen Haustechnik unseren Wunsch zu vermitteln! Damit Technik auch in Zukunft für den Menschen beherrschbar bleibt, ist es wichtig, bereits den Entwicklungsprozess nutzenorientiert zu gestalten. Zunehmende Autonomie technischer Systeme darf nicht einhergehen mit einer schleichenden Entmündigung der Nutzerinnen und Nutzer. Entwicklerinnen und Entwickler werden hier mit ganz neuen Herausforderungen konfrontiert, etwa wie man technische Systeme vertrauenswürdig und für Nutzer transparent gestaltet.

Wie werden wir in Zukunft IT bedienen?

Innovative Eingabe- und Displaytechniken bereiten den Weg für signifikante Änderungen, zum einen in der Mensch-Technik-Interaktion, zum anderen in der Art und Weise, wie Menschen künftig miteinander kommunizieren. Augmented Reality wird dabei sicher eine große Rolle spielen, weil die digitale Erweiterung unserer realen Umgebung enormes Potential birgt. Ebenso ist davon auszugehen, dass mittelfristig Haushaltsroboter so selbstverständlich werden, wie es heute der Kühlschrank oder die Waschmaschine sind. Roboter werden dabei jedoch nicht bloße Haushaltsgeräte sein, sondern echte Mitbewohner, zu denen man unvermeidlich auch eine emotionale Beziehung aufbauen wird. Innovationen im Bereich der sprachbasierten multimodalen Dialogsysteme werden dazu führen, dass Menschen über räumliche, sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg direkt miteinander in Kontakt treten können. Menschen mit körperlichen und kognitiven Einschränkungen werden von intelligenten Implantaten profitieren, die ihnen die Kommunikation mit ihrer Umgebung erleichtern und dadurch größere Autonomie erlangen.

In welchen Eingabemöglichkeiten für IT wird in Ihrem Bereich gearbeitet?

Meine Arbeitsgruppe ist auf der Suche nach neuartigen Bedienkonzepten, die Modalitäten wie  Sprache,  Haptik  und  Gestik  in aufeinander abgestimmter Art  und  Weise  integrieren. Mit dem Ziel, den Zugang zu technischen Gerätschaften und Anwendungen zu erleichtern, orientieren wir uns an der zwischenmenschlichen Kommunikation. Das Paradebeispiel für die Simulation von kommunikativen und sozialen Fähigkeiten ist die Mensch-Roboter-Interaktion. Durch den Einzug in den häuslichen Bereich wird sich die Rolle von Robotern vom reinen Werkzeug hin zum persönlichen Assistenten, Begleiter oder sogar Freund wandeln.  Damit werden emotionale und soziale Faktoren bei der Mensch-Technik-Interaktion immer wichtiger. Wir erforschen, wie sich durch die Einbeziehung dieser Faktoren die Akzeptanz von technischen Systemen steigern lässt.

Welchen Stellenwert hat der CEBIT Innovation Award für Ihren Forschungsbereich?

Der CEBIT Innovation Award hat dazu beigetragen, dass das Gebiet Mensch-Technik-Interaktion mit all seinen Facetten in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen wird. Bedienfreundlichkeit ist ein Thema von enormer gesellschaftlicher Relevanz, aber auch ein Wirtschaftsfaktor. Die prämierten Projekte der Nachwuchsteams zeigen, wie die frühzeitige Involvierung von Nutzerinnen und Nutzern die Akzeptanz von technischen Innovationen gewährleistet.