„Die beste Usability bemerkt man gar nicht“

Nikolaus Röttger ist seit April 2014 Chefredakteur der Zeitschrift „Wired“, die über Innovationen aus Technologie, Digitalkultur, Wissenschaft, Business und Design berichtet.

Mit „Wired“ erzählt er eines der größten Abenteuer unserer Zeit: die Erfindung der Zukunft. Zuvor war Röttger Chefredakteur des Online-Magazins „Gründerszene“ und entwickelte als Redaktionsleiter den Wirtschaftstitel „Business Punk“. Nach einem Volontariat bei der „Financial Times“ Deutschland war er acht Jahre lang bei Gruner und Jahr in verschiedenen Positionen tätig gewesen.

Nikolaus Röttger im Interview

Auf diesem Bild ist das Jurymitglied Nikolaus Röttger abgelichtet.

Nikolaus Röttger

BMBF/Florian Willnauer

Herr Röttger, wie präsentiert sich der deutsche Markt für innovative nutzerfreundliche IT-Anwendungen derzeit im internationalen Vergleich?

Viele der Big Player kommen immer noch aus den USA, was vor allem an zwei Punkten liegt. Der erste ist offensichtlich: Der US-Markt ist größer, in Europa muss eine IT-Anwendung immer gleich in mehreren Sprachen entwickelt werden. Zum anderen gibt es deutlich mehr Risikokapital in den USA. So erhalten US-Start-ups schneller Finanzierungen. Dabei gibt es Ideen und Erfindungen aus Deutschland, die international mithalten können: Wissenschaftsplattformen, Banking-Apps, Kollaborations-Tools, E-Commerce-Lösungen, die hervorragend umgesetzt sind. So gut, dass glücklicherweise langsam auch vermehrt internationales Geld nach Deutschland fließt, um die Produkte zu fördern. Also: Ideen sowie gute Entwicklerinnen und Entwickler gibt es. Mehr Finanzierung und schnelles Wachstum braucht es.

Mit „Wired“ verantworten Sie eine Publikation zu Fragen des digitalen Fortschritts, die weiterhin auch auf Papier erscheint. Eingeprägte Verhaltensmuster wie unser Leseverhalten ändern sich oftmals nur langsam. Welche Bedeutung haben Wettbewerbe wie der CEBIT Innovation Award, um innovative Technik und Verhaltensvorlieben stärker in Einklang zu bringen?

Innovation funktioniert nur, wenn sie auf Verhaltensvorlieben trifft oder neue Verhaltensvorlieben schafft. Sei es eine einfachere Art online fernzusehen oder via Webtool einen neuen Zahlungsverkehr für seine Kundinnen und Kunden zu schaffen. Es gibt immer noch Industrien, in denen zum Beispiel mit Fax gearbeitet wird.

Muss das heute noch sein? Oder gibt es da nicht schlauere Wege? Alle Industrien müssen sich im Zuge der Digitalisierung auf neue Verhaltensmuster einstellen – oder auf sich immer schneller verändernde Verhaltensvorlieben. Die vielleicht größte Herausforderung ist, dass es für uns alle Bereiche und Dinge gibt, von denen wir noch nicht einmal wissen, dass wir nichts von ihnen wissen. Wettbewerbe wie der CEBIT Innovation Award können helfen, mehr Sichtbarkeit zu schaffen und aufkommende Trends zu erkennen.

Während Usability für Ihre Leserschaft genauso wie für alle anderen Nutzerinnen und Nutzer eine tägliche Selbstverständlichkeit ist, macht die Breite der Begriffsdefinition eine öffentliche Diskussion mitunter schwierig. Wie würden Sie Usability eigentlich definieren?

„Der Kunde ist König“ ist eine der vielleicht abgedroschensten, aber dennoch oft vernachlässigten Regeln der Customer Relations. Jeder Gast eines Restaurants erwartet, dass er nicht nur ein gutes Produkt, sprich hervorragendes Essen, bekommt. Er erwartet auch einen guten Service. Entweder schnell an der Fast-Food-Theke. Oder persönlich beraten an einer Tafel mit weißer Tischdecke. Guter Service ist wie gute Usability: einfach, schnell, zuvorkommend. Für Userinnen und User eine Selbstverständlichkeit, für Unternehmen eine Herausforderung – und eine Chance.

Welche Perspektiven sind für Sie als Technik- und Innovationsjournalist bei den Themen Usability und User Experience ganz besonders von Bedeutung?

Gute Usability merkt der Kunde im Idealfall gar nicht. Weil das Produkt so gut funktioniert, dass er sich darüber keine Gedanken macht. Schlechte Usability merkt er hingegen sofort. Wenn etwas nicht funktioniert, probiert er es vielleicht noch einmal. Wenn er sehr geduldig ist, vielleicht sogar ein drittes Mal. Aber wenn es dann wieder nicht funktioniert, ist der User vielleicht für immer verloren. Eine hervorragende User Experience muss darum Kern und Anspruch jeder IT-Anwendung sein.

Warum engagieren Sie sich in der Jury des CEBIT Innovation Awards? 

Das Großartige ist ja: Es gibt in Deutschland sehr viele gute Ideen, innovative Forscher und Gründerinnen. Die Herausforderung ist aber: Oft ist diese Innovationskraft viel zu wenig bekannt, gerade Wissenschaftlerinnen und Forscher haben es nach meinem Empfinden schwer, die Öffentlichkeit zu bekommen, die sie eigentlich verdienen. Dabei hilft der CEBIT Innovation Award. Er zeigt die Innovationskraft Deutschlands, indem die besten Konzepte und Ideen ausgezeichnet und einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt – sowie die Macherinnen und Macher dahinter gefördert werden.