„Der Award hat das Interesse stark beflügelt“

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang Wahlster ist Vorsitzender der Geschäftsführung und technisch-wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI), das Standorte in Kaiserslautern, Saarbrücken und Bremen sowie weitere Betriebsstätten in Berlin und Osnabrück unterhält. Daneben engagiert sich der vielfach ausgezeichnete Forscher in zahlreichen wissenschaftlichen Gremien, unter anderem in der Nobelpreis-Akademie in Stockholm und als langjähriger Vorsitzender in der Jury des Hermes Award. Für seine Forschungen zur Mensch-Maschine-Interaktion hat er den Zukunftspreis des Bundespräsidenten erhalten.

Prof. Dr. Wolfgang Wahlster im Interview

Auf diesem Bild ist das Jurymitglied Prof. Dr. Wolfgang Wahlster abgelichtet.

Prof. Dr. Wolfgang Wahlster

BMBF/Florian Willnauer

Herr Professor Wahlster, welche deutschen IT-Innovationen setzten in neuester Zeit Maßstäbe für Benutzerfreundlichkeit?

Auf der amerikanischen Elektronikmesse CES 2018 in Las Vegas hat das DFKI – zusammen mit der Spracherkennungsfirma Nuance – den Innovation Award in der Kategorie „Intelligente Fahrerassistenzsysteme“ gewonnen. Unser gemeinsames System kombiniert Blickgesten mit Spracheingabe, so dass ein Blick durch die Windschutzscheibe auf ein Gebäude zusammen mit der Frage „Was ist da drin?“ von der integrierten Antwortmaschine sofort beantwortet werden kann. Vor der Demonstration im Testfahrzeug bildeten sich Warteschlangen – gerade auch von deutschen Autofirmen und deren Zulieferern. Es ist etwas paradox, dass man auf disruptive Innovationen zur Benutzerfreundlichkeit aus dem eigenen Lande erst aufmerksam wird, wenn diese in den USA präsentiert werden. Hier zeigt sich erneut, dass die gezielte Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung im Bereich der Mensch-Technik-Interaktion immer häufiger in konkrete Produkte mündet.

Wo sehen Sie heute in Deutschland das größte Potenzial für Usability?

Die Stärke von Deutschland liegt in der Produktion komplexer physischer Geräte von höchster Qualität – vom Auto über Werkzeugmaschinen bis hin zu vernetzten Haushaltsgeräten und kollaborativen Robotern. Deutschland hat mit dem DFKI das weltweit größte Zentrum für Künstliche Intelligenz, dessen Motto „KI für den Menschen“ ist. Unsere multimodalen Benutzerschnittstellen, die es ermöglichen, mit allen unseren Sinnen mit solchen Produkten zu interagieren, haben wir in diese deutschen Exportschlager integriert, um damit eine neue Stufe der Benutzerfreundlichkeit zu erreichen. Ohne langwieriges Handbuchstudium und starre Interaktionsregeln können wir Sprache, Gestik, Mimik, Kopfbewegungen und Blickgesten beliebig miteinander kombinieren, um mit dem Internet der Dinge zu kommunizieren.

Zumindest der Begriff „Benutzerfreundlichkeit“ hat eine emotionale Komponente. Werden wir IT in Zukunft auch mit Emotionen steuern können?

Ja, wir haben in den letzten fünf Jahren neue Verfahren des maschinellen Lernens entwickelt – insbesondere das sogenannte Deep Learning – mit denen wir Emotionen in der Stimme und im Gesichtsausdruck von menschlichen Benutzerinnen und Benutzern schon recht treffsicher erkennen können – wenn auch nicht in den Nuancen, wie das sensible Mitmenschen beherrschen. Emotionen beim Nutzer müssen sich dann aber auf das Systemverhalten auswirken, zum Beispiel muss das Fahrerassistenzsystem versuchen, negative Auswirkungen erkannter aggressiver Emotionen des Fahrers auf die Verkehrssicherheit zu verhindern.

Welchen Stellenwert hat der CEBIT Innovation Award für Ihren Forschungsbereich?

Der CEBIT Innovation Award hat das Interesse an meinen Forschungen zu „Intelligenten multimodalen Benutzerschnittstellen“ in der Öffentlichkeit, der Politik und Wirtschaft stark beflügelt. Lange Zeit waren wir schon weltweit in der Fachwelt vielzitiert und mehrfach geehrt, galten aber als „hidden champion“, da man anderen Themen der Informatik wie Cloud Computing oder Mobile Computing mehr Aufmerksamkeit widmete. Jetzt aber gilt „AI First“, und dazu gehört der Einsatz von KI für die Mensch-Technik-Kollaboration an allererster Stelle.