Die Jury

30. Mai 2012, Mittwoch

„Form follows Emotion“ als Erfolgsrezept

Prof. Dr. Wahlster im Interview

Prof. Dr. Wolfgang Wahlster ist Vorsitzender der Geschäftsführung des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) sowie technisch-wissenschaftlicher Leiter dieses Zentrums, das Standorte in Kaiserslautern, Saarbrücken und Bremen unterhält. Daneben engagiert sich der vielfach ausgezeichnete Forscher in zahlreichen wissenschaftlichen Gremien, unter anderem in der Nobelpreis-Akademie in Stockholm, der Forschungsunion Wirtschaft-Wissenschaft der Bundesregierung und als langjähriger Vorsitzender in der Jury des Hermes Award. Auch beim CeBIT Innovation Award ist er Mitglied der Jury.

Herr Professor Wahlster, welche deutschen IT-Innovationen setzten bisher neue Maßstäbe für Benutzerfreundlichkeit?
Es gibt zahlreiche Beispiele für erfolgreiches IT-Design aus Deutschland. So geht die auf der großen deutschen Tradition im Industriedesign beruhende Firma Frog, die für Sony und Apple wegweisendes IT-Design entwickelte, auf eine Firmengründung durch Hartmut Esslinger im Jahr 1969 zurück. Sein im Schwarzwald entwickeltes Credo „Form follows Emotion“ hat sich als Erfolgsrezept erwiesen. Googles 2001 gestartete Übersetzungsmaschine hat ebenfalls deutsche Wurzeln: Viele der heutigen Mitarbeiter hatten am BMBF-Projekt „Verbmobil“ mitgearbeitet und in den 90er Jahren eine Dolmetschsoftware für Handys entwickelt. Schließlich baut auch das Sprachdialogsystem „Siri“ in Apples aktuellem iPhone auf deutschen Know-how auf: Schon 2007 ermöglichte das BMBF-Projekt „SmartWeb“ erstmals die Fragebeantwortung über Internet-Inhalten auf Smartphones.

Wo sehen Sie heute in Deutschland das größte Potenzial für Usability – und wo besteht Nachholbedarf?
1990 wurde an einer deutschen Universität erstmals der Studiengang Medieninformatik angeboten, in den vergangenen drei Jahren gab es einen großen Zuwachs an Lehrstühlen und Studierenden. Dieser interdisziplinär ausgerichtete Studiengang verbindet die klassische Informatik u. a. mit der Kognitionspsychologie sowie kreativ-künstlerischen Elementen des Designs und ist besonders für Studentinnen attraktiv: Wir haben hier eine Frauenquote von fast 50 Prozent. Hier erwarte ich in den kommenden Jahren innovative Forschungsansätze und einen weiteren Schub an neuen Lehrstühlen für intelligente Benutzerschnittstellen.
Was den Nachholbedarf angeht: Es gab in den 90er Jahren das BMBF-Forschungsprogramm „Mensch – Technik – Interaktion“, das Deutschland an die Spitze der Europäischen Länder in diesem Bereich gebracht hat. Derzeit laufen zwei Exzellenz-Cluster der DFG in Saarbrücken und Bielefeld, die sich mit den Grundlagen multimodaler Interaktion beschäftigen.  Es fehlt eine neue Initiative für anwendungsorientierte Forschung, die zusammen mit der Industrie die nächste Generation intelligenter Schnittstellen z. B. für den Automobil-, Handels- und Medizinbereich entwickelt. Ich bin optimistisch, dass es in dieser Richtung Fortschritte geben wird – schließlich haben mittlerweile auch die Maschinenbauer erkannt, dass sie ihre Werkzeugmaschinen nur verkaufen können, wenn diese benutzerfreundlich sind.

Wie definieren Sie Nutzerfreundlichkeit?
Nutzerfreundliches Design von IT-Produkten ist eines nicht: schmückendes Beiwerk. Intuitive Erlernbarkeit, Einfachheit und Ästhetik sind entscheidend für den Markterfolg. Dabei sollte die Frage, was nutzerfreundlich ist, zielgruppen- und sogar kulturspezifisch beantwortet werden. In Japan muss eine Benutzerschnittstelle sogar farblich anders gestaltet werden als in Deutschland. Es gibt Unterschiede zwischen alten und jungen Nutzern, auch zwischen Männern und Frauen, die bei der Gestaltung der Schnittstelle berücksichtigt werden müssen. Männer bevorzugen zum Beispiel beim Navigationsgerät eine weibliche Stimme, bei Frauen ist es umgekehrt. Innovative Nutzerfreundlichkeit adaptiert solche Unterschiede.

Zumindest der Begriff „Benutzerfreundlichkeit“ hat eine emotionale Komponente. Werden wir IT in Zukunft auch mit Emotionen steuern können?
Die Technik kommt dem Menschen in seinen natürlichen Kommunikationsgewohnheiten immer mehr entgegen – das ist der Paradigmenwechsel, den wir derzeit erleben. Dicke Benutzerhandbücher, winzige Handy-Tastaturen und Computer-Mäuse waren gestern, in Zukunft soll man auch keinen Schreibmaschinenkurs mehr absolvieren müssen, um Texte mit akzeptabler Geschwindigkeit einzugeben. Stattdessen wird die Kombination von Sprache, Augenbewegungen, Lippenbewegungen, Gestik und Mimik als Eingabemethode ausreichen. Wir nähern uns den subtilen Mechanismen, die bei der Kommunikation von Mensch zu Mensch wesentlich sind. Dazu gehören auch Emotionen. Wir haben am DFKI bereits erste Softwaresysteme entwickelt, die menschliche Emotionen über die Sprache, Mimik und Körperhaltung erkennen und nachahmen können.
Warum engagieren Sie sich in der Jury des CeBIT-Award?
Die Vorbereitungen zum CeBIT-Award begannen vor etwa drei Jahren. Neben dem renommierten Hermes-Award, der auf der Hannover Messe verliehen wird und sich seit 2003 zu einer Art „Oscar“ etabliert hat, geht es bei dem CeBIT-Award vor allem um innovative Projektideen – was viel wichtiger und wertvoller als die eigentliche Dotierung ist. Wer Kapital für eine Firmengründung benötigt, wird das wesentlich schneller bekommen, wenn er sich mit einem renommierten Preis schmücken kann. Und wer die besten Köpfe für seine Firma, sein Institut oder eine Universität sucht, wird bei den prämierten Forschern sicher geeignete Kandidatinnen und Kandidaten finden.

 

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