Die Jury

01. Juni 2012, Freitag

Für eine „natürliche“ und „praktische“ Nutzung

Interview mit Prof. Dr. Lukas

Prof. Dr. Wolf-Dieter Lukas ist Leiter der Abteilung Schlüsseltechnologien – Forschung für Innovationen im Bundesministerium für Bildung und Forschung. Er hat eine Honorarprofessur an der TU Berlin inne und wirkt in verschiedenen Beratungs- und Aufsichtsgremien mit. Zusätzlich ist Wolf-Dieter Lukas Jurymitglied des CeBIT Innovation Award – ein Preis, dem das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die Deutsche Messe AG 2013 zum ersten Mal verleihen.

Herr Professor Lukas, welche deutschen IT-Innovationen setzten bisher neue Maßstäbe für Benutzerfreundlichkeit? Bitte nennen Sie das Ihrer Meinung nach beste Beispiel.
Neue Maßstäbe aus Deutschland für Benutzerfreundlichkeit in der IT, die sich auch in der Praxis durchgesetzt haben, sind nicht allzu häufig. Das liegt nicht zuletzt an den Schwerpunkten der IT-Branche in Deutschland, die eher systemnahe Produkte anbietet als solche für Endkunden. Es gibt eine Reihe von bemerkenswerten Ergebnissen in der deutschen Forschungslandschaft – beispielsweise im Bereich Virtual Reality und bei der Entwicklung von Avataren für Alltagsanwendungen –, aber diese Ergebnisse haben bisher kaum breit genutzte Maßstäbe gesetzt.
Kommerziell erfolgreich und Maßstäbe setzend sind für mich deswegen vor allem die Entwicklungen im Bereich der Grafiksoftware. Das beginnt mit Kai Krause, der mit seiner Bildbearbeitungssoftware in den 90er Jahren Maßstäbe für die Benutzerfreundlichkeit in diesem Bereich gesetzt hat. 2007 erhielt ein deutsches Softwareunternehmen einen Technik-Oscar für FlowLine, eine Visualisierungssoftware für Flüssigkeiten, die heute bei zahlreichen Filmen und Werbevideos eingesetzt wird. Diese Kompetenzen finden sich auch wieder bei der Computerspiel-Branche, die international erfolgreich ist. Allerdings fällt dabei auf, dass es dabei nicht um Software im engeren Sinne geht, sondern eher um Werkzeuge für Medienprodukte. Die Diskussion um das iPhone-Design, das angeblich vom Industriedesign der Firma Braun inspiriert sei, zeigt, was eigentlich fehlt: eine Stilikone wie das Braun-Design oder andere gute Industriedesigner für den IT-Sektor.

Wo sehen Sie heute in Deutschland das größte Potenzial für Usability – und wo besteht Nachholbedarf?
Nachholbedarf in Sachen Benutzerfreundlichkeit gibt es da, wo es um Alltagstauglichkeit von IT-Systemen in der Produktion, im Büro, aber auch bei Endkunden und ihren Consumer-Produkten geht. Das Potenzial ist überall dort zu sehen, wo sich die gute Leistung eines Systems von anderen unterscheiden muss. Das funktioniert meist sehr gut über eine gute Benutzerführung. Im kommerziellen Einsatz bedeutet das effizientere Nutzung, im Consumer-Bereich oftmals eine Kaufentscheidung aufgrund einer überzeugenden Benutzeroberfläche. Wirtschaftlich ist eine gute Benutzerfreundlichkeit einer der sichersten Wege, um als IT-Unternehmen nicht nur zu bestehen, sondern auch zu wachsen und zu prosperieren.

Wie würden Sie Nutzerfreundlichkeit definieren – und wie wird sie in der IT-Forschung berücksichtigt?
Nutzerfreundlichkeit ist zunächst ganz klassisch und formal die Frage nach der Ergonomie bei Hardware und Software. Dafür gibt es Normen, Richtlinien der EU und Rechtsverordnungen auf nationaler Ebene. Aber schon in den entsprechenden DIN ISO-Normen wird auch „Zufriedenheit“ bei der Arbeit mit IT-Systemen angestrebt. Nur wenig darüber hinaus geht der heutige Anspruch der „User Experience“, auch sinnliche und emotionale Effekte bei Consumer-Produkten zu berücksichtigen – also einfach gesagt, die Benutzerschnittstelle aufregend neu zu gestalten. Nutzerfreundlichkeit hat für mich daher immer zwei große Bereiche: Einerseits muss der Maßstab ein natürlicher, einfacher und intuitiver Umgang sein, der nicht belastet, sondern die Benutzung erleichtert. Dieser Maßstab orientiert sich an dem, was uns schon umgibt und für uns „natürlich“ und „praktisch“ ist. Andererseits sollte der Maßstab auch Innovation sein. Der Computer erlaubt die Interaktion mit völlig abstrakten Welten oder absolut künstlichen, virtuellen. Dafür sind ganz neue Interaktionsformen nötig. Auch diese sollten möglichst intuitiv und einfach sein. Der wesentliche gemeinsame Nenner beider Bereiche ist also die Einfachheit.

Wie kann man benutzerfreundliche IT-Innovationen in Deutschland gezielt fördern? Und was empfehlen Sie Nachwuchsforschern in diesem Bereich?
Nutzerfreundlichkeit ist ein Qualitätsziel der Förderung im laufenden BMBF-Förderprogramm IKT 2020. Im Vorgängerprogramm war Mensch-Maschine-Interaktion ein Förderschwerpunkt. Daraus sind vor allem im Bereich virtuelle und erweiterte Realität (VR/AR) zahlreiche Grundlagentechnologien entstanden, die heute praktisch genutzt werden. Aktuell fördern wir verschiedene Projekte, die unter anderem die Möglichkeiten der Gestensteuerung erforschen. Das zeigt: Das BMBF positioniert sich zu den sich schnell weiter entwickelnden Techniken immer wieder neu und identifiziert aussichtsreiche Techniklinien, die für Fördermaßnahmen interessant sind. Aktuell bringen Smartphones Computerleistung in ganz neue Einsatzumgebungen. Geräte wie das Kinect-System erlauben Interaktion völlig ohne die Bedienung von Geräten allein mit Gesten. Was damit möglich ist, ist heute erst ansatzweise sichtbar, hier hat die Forschung noch viel zu tun.
Nachwuchsforschern empfehle ich aktuell, weit in die Zukunft zu blicken und so etwas wie eine alltagstaugliche, praktische Nutzungsvision zu verfolgen. Diese Nutzungsvision sollte der Ausgangspunkt sein, statt auf das technisch Machbare zu schauen.

Sie vertreten das Bundesministerium für Bildung und Forschung in der Jury. Warum schreibt das Bundesministerium für Bildung und Forschung den CeBIT Innovation Award gemeinsam mit der Deutschen Messe AG aus?
Ziel des Wettbewerbs ist, die Vielfalt innovativer Ideen in einem einfachen Verfahren sichtbar zu machen. Wir haben deshalb die Zugangsschwelle so niedrig wie möglich gelegt. Die Beschreibung einer Idee ist der erste Schritt. Wir wollen aber auch dem Thema eine größere Bedeutung und mehr Wahrnehmung geben. Deswegen ist es uns auch wichtig, ein praktisches Beispiel vorzuführen. Damit möchten wir den Nachwuchs motivieren, sich mit einem klaren Ziel vor Augen mit benutzerfreundlichen IT-Innovationen auseinander zu setzen. Die CeBIT ist nicht nur die größte IT-Messe, sie ist der jährliche Fokus für IT-Innovationen. Wer dort ist, macht von sich reden. Wer dort als junges Unternehmen oder als Nachwuchsforscher besteht, hat einen großen Erfahrungsvorsprung vor anderen. Das BMBF und die Deutsche Messe AG wollen Nutzerfreundlichkeit mit neuen Ideen auf der Messe präsentiert sehen. Für ein so wichtiges Thema wie Nutzerfreundlichkeit ist die CeBIT genau der richtige Rahmen.

 

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