Die Jury

18. Juli 2012, Mittwoch

Positive Erfahrungen und Selbsterklärungsfähigkeit

Interview mit Prof. Dr. Elisabeth André 

Prof. Dr. Elisabeth André ist Lehrstuhlinhaberin für Human Centered Multimedia am Institut für Informatik der Universität Augsburg. Gemeinsam mit etwa 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern untersucht sie unterschiedliche Aspekte der Mensch-Computer-Interaktion. Die Wissenschaftlerin ist Mitglied der Nationalen Akademie der Naturforscher Leopoldina, der Academia Europaea und AcademiaNet und arbeitet in mehreren Forschungsprojekten der EU mit.

Welche deutsche IT-Innovation setzte neue Maßstäbe für Benutzerfreundlichkeit?
Ich möchte ein aktuelles Beispiel aus dem Automobilbau nennen, einem Feld, in dem Deutschland traditionell führend ist: Infotainment-Systeme wie iDrive von BMW, MultiMedia Interface von Audi oder COMAND von Mercedes-Benz zeigen, wie ein Nutzer, der gleichzeitig Fahrer ist, komplexe Funktionen steuern und nutzen kann. Die nächste Generation dieser Systeme bezieht nicht nur den Fahrer selbst ein, sondern auch den Bei- und andere Mitfahrer. Zur Freude am Fahren kommt dann auch noch die Freude beim Mitfahren. Während zum Beispiel visuelle Signale eines Infotainment-Systems den Fahrer schnell von der Straße ablenken und deshalb nur sparsam eingesetzt werden dürfen, können andere Insassen solche Informationen auch während der Fahrt gut verarbeiten.

Wo sehen Sie heute in Deutschland das größte Potenzial für Usability – und wo besteht Nachholbedarf?

Noch vor einigen Jahren kam man im Alltag auch ohne technischen Beistand aus. Heute gehört ein Computer zu fast jedem Arbeitsplatz. Und die Geräte und Anwendungen sind immer komplexer geworden. Die Nutzerfreundlichkeit hat aus meiner Sicht mit dieser Entwicklung nicht Schritt gehalten: Es gibt großen Nachholbedarf bei Alltags-Anwendungen. Neulich habe ich zum Beispiel meiner Assistentin bei einer Reisebuchung über die Schulter geschaut – und war überrascht, durch welche verschachtelten Menüs sie sich kämpfen musste.

Großes Potenzial besteht auch bei der Selbsterklärungsfähigkeit der Systeme. Im Normalbetrieb lässt sich das z. B. durch die grafische Hervorhebung von Elementen lösen, die für den Nutzer in der aktuellen Situation wichtig sind. Aber gerade im Ausnahmefall ist Selbsterklärung wichtig: Auch wenn Systeme ausfallen, dürfen Sie den Nutzer nicht alleinlassen. Eine simple Error-Meldung mag am Büro-PC ärgerlich sein, aber in sicherheitsrelevanten Bereichen muss der Nutzer gerade im Notfall wissen, was zu tun ist.

Wie würden Sie Nutzerfreundlichkeit definieren – und wie wird sie in der IT-Forschung berücksichtigt?

Klassischerweise ist ein Gerät, eine Oberfläche etc. nutzerfreundlich, wenn sich damit Aufgaben effektiv und effizient lösen lassen – intuitiv, auch ohne das vorherige Studium fingerdicker Handbücher. Heute wird Nutzerfreundlichkeit aber anspruchsvoller verstanden: Mit der Nutzung soll ein Erlebnis verbunden sein, eine positive Erfahrung. Nutzerfreundlichkeit erhält also auch eine emotionale Komponente.

Wie kann man benutzerfreundliche IT-Innovationen in Deutschland gezielt fördern? Und was empfehlen Sie Nachwuchsforschern in diesem Bereich?
Von zentraler Bedeutung ist die Erkenntnis, dass nicht der Auftraggeber, sondern der Endnutzer über den Erfolg eines Produktes entscheidet. Ihn erst einzubeziehen, wenn nur noch die Farbe des Gehäuses modifiziert werden kann, ist definitiv zu spät. Die Endnutzer müssen schon zu Beginn der Produktentwicklung gefragt werden – auch, wenn man als Forscher von seinem Ansatz überzeugt ist. Das Feedback der Nutzer zu berücksichtigen ist eine Chance, die man sich nicht entgehen lassen darf.

Wählscheibe – Tastatur – Touchscreen: Wie werden wir in Zukunft IT bedienen? An welchen Eingabemöglichkeiten für IT wird in Ihrem Bereich gearbeitet?
Der Touchscreen hat gegenüber der herkömmlichen Tastatur den Nachteil, dass häufig eine haptische Rückmeldung fehlt. Spracheingaben sind eine immer wichtigere Alternative, aber auch nicht überall das Mittel der Wahl – zum Beispiel bei lauten Umgebungen. Ich denke, dass sich in Zukunft ein bunter Strauß von Eingabeschnittstellen etablieren wird, je nach Anwendungsbedingungen. Neue Möglichkeiten werden durch flexible Bildschirme erschlossen: So können beispielsweise auch sogenannte e-Textilien als Display genutzt werden. Einen Schritt weiter gehen mehrdimensional veränderbare, sogenannte organische Oberflächen, die sich selbstständig verformen. Hier ergeben sich interessante Möglichkeiten zur Gestaltung des heimischen Wohnbereichs – aber das ist noch Zukunftsmusik.

Warum engagieren Sie sich in der Jury des CeBIT Innovation Award?
Zum einen bin ich überzeugt, dass durch den Preis die neuen Ansätze in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen werden – und auch das Thema Benutzerfreundlichkeit insgesamt. Zum anderen bin ich selbst sehr neugierig, welche Ideen die Nachwuchsforscherinnen und -forscher für den CeBIT Innovation Award entwickeln!

 

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