Die Jury

27. Juni 2012, Mittwoch

Entwicklung im Dialog mit den Nutzenden

Interview mit Prof. Dr. Joost

Dr. Gesche Joost ist Professorin für Designforschung an der Universität der Künste Berlin und Leiterin des Design Research Lab an den Telekom Innovation Laboratories, einem An-Institut der TU Berlin. Zusammen mit ihrem 20-köpfigen Team verantwortet die Wissenschaftlerin die Designforschung in dem zentralen Forschungs- und Innovationsbereich der Deutschen Telekom. Der Schwerpunkt ihrer Forschung liegt auf Gender- und Diversity-Aspekten im Bereich der Mensch-Maschine-Interaktion, auf Interaction Design und der Rolle des Körpers sowie auf Social Design und Community-Building. Gesche Joost engagiert sich zudem als Jurymitglied der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Im Rahmen der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ wurde sie als einer der „100 Köpfe von morgen“ ausgezeichnet und erhielt 2008 den Nachwuchswissenschaftspreis des Regierenden Bürgermeisters von Berlin.

Seit März 2014 ist Joost das von der Bundesregierung benannte deutsche Mitglied im Gremium der "Digital Champions" auf europäischer Ebene. Auch beim CeBIT Innovation Award zur Förderung von Usability in der IT-Branche ist sie Mitglied der Jury.


Frau Professor Joost, wie kann man neue Technologien am besten nutzbar machen?

Sie müssen die Vielfalt unserer Gesellschaft widerspiegeln. Das heißt, sie müssen angepasst sein an die verschiedenen Zugänge, die die Menschen zur Technik haben – und nicht umgekehrt.

Wo sehen Sie heute in Deutschland das größte Potenzial für Usability – und wo besteht Nachholbedarf?
Ein großes Potenzial bietet die Informations- und Kommunikationstechnologie, da sie eine direkte Schnittstelle zum Nutzer im Alltag hat. Die Nutzungsfreundlichkeit muss in Zukunft eine größere Rolle spielen: Nicht allein die Optimierung technologischer Systeme und Abläufe, sondern die Gestaltung von einfachen Schnittstellen für jedermann und jede Frau, für Ältere und Jüngere, wie auch für Menschen mit speziellen Anforderungen sollte im Fokus stehen. Barrierefreiheit und Inclusive Design sind daher für mich klare Innovationstreiber.

Wie würden Sie Nutzungsfreundlichkeit definieren – und wie wird sie in der IT-Forschung berücksichtigt?
Die DIN-Normen stehen für Standards, die für Usability erfüllt werden müssen. Für mich bedeutet Nutzungsfreundlichkeit aber auch, dass einfache Konzepte allen zugänglich gemacht werden. Zum Beispiel, wenn es für verschiedene Nutzergruppen unterschiedliche Zugänge gibt. Wie sieht ein Tablet-PC aus, der von Menschen mit Demenz bedient werden kann? Das ist für uns eine aktuelle Forschungsfrage. Auch Frauen sind ein großes Thema –  sie sind eine große Zielgruppe, die bislang in der Technologie-Entwicklung kaum berücksichtigt wird, obwohl sie eine andere Sichtweise auf Technik hat. „Shrink it & pink it“ reicht da wohl kaum aus.

Wie kann man benutzungsfreundliche IT-Innovationen in Deutschland gezielt fördern? Und was empfehlen Sie Nachwuchsforschern in diesem Bereich?
Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sollten die Nutzerinnen und Nutzer früh miteinbeziehen und Prozesse mit klarem Anwendungsbezug wählen. Usability ist heute schon zu einem integralen Bestandteil der IT Entwicklung geworden. Der Dialog mit den Nutzenden sollte aber noch einen Schritt weiter gehen: Partizipatives Design fördert Innovationen in der IT-Forschung und erhöht gleichzeitig die Chancen für einen Erfolg von neuen Technologien am Markt. Durch den intensiven Dialog mit den Nutzenden kommen Teams zu vielfältigeren Ergebnissen und können sich auf ihre Bedürfnisse und Fähigkeiten beziehen. Im Austausch kommt man manchmal zu ganz neuen, verblüffenden Ideen – da lohnt sich der Schritt heraus aus dem Labor, hinein in den Alltag von Menschen. Diese Art der Innovationsentwicklung sollte stärker gefördert werden – sie ist interdisziplinär, bezieht Nutzende ein und orientiert sich an der Lösung von gesellschaftlichen Herausforderungen.

Warum engagieren Sie sich in der Jury des CeBIT Innovation Award?
Ich engagiere mich in der Jury, um nachhaltigere Innovationslösungen zu fördern, und zwar im Sinne einer sozialen Nachhaltigkeit. Bei der Bewertung der Projekte ist es mir wichtig, dass die Nutzungsfreundlichkeit für die vielfältigen Gruppen unserer Gesellschaft einbezogen wird.

 

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