Die Jury

16. März 2015, Montag

Nikolaus Röttger

Interview mit Nikolaus Röttger

Nikolaus Röttger ist seit April 2014 Chefredakteur von WIRED in Berlin – dem Herzen der deutschen Digital- und Start-up-Szene. Mit WIRED erzählt er eines der größten Abenteuer unserer Zeit: die Erfindung der Zukunft. Zuvor war Nikolaus Röttger Chefredakteur des Online-Magazins Gründerszene.de und entwickelte als Redaktionsleiter den Wirtschaftstitel Business Punk. Nikolaus Röttger absolvierte ein Volontariat bei der Financial Times Deutschland und war acht Jahre lang bei Gruner & Jahr in verschiedenen Positionen tätig. Im März 2015 ist er als neues Mitglied in die Jury des CeBIT Innovation Award berufen worden.

Wie präsentiert sich der deutsche Markt für innovative nutzerfreundliche IT-Anwendungen derzeit im internationalen Vergleich?
Viele der Big Player kommen immer noch aus den USA. Das liegt vor allem an zwei Punkten, der erste ist offensichtlich: Der US-Markt ist größer, in Europa muss eine IT-Anwendung immer gleich in mehreren Sprachen entwickelt werden. Zum anderen gibt es deutlich mehr Risikokapital in den USA. So erhalten US-Startups schneller Finanzierungen. Dabei gibt es Ideen und Erfindungen aus Deutschland, die international mithalten können: Wissenschaftsplattformen, Banking-Apps, Kollaborations-Tools, E-Commerce-Lösungen, die hervorragend umgesetzt sind. So gut, dass glücklicherweise langsam auch vermehrt internationales Geld nach Deutschland fließt, um die Produkte zu fördern. Also: Ideen und gute Entwickler gibt es. Mehr Finanzierung und schnelles Wachstum braucht es.

Mit der WIRED verantworten Sie eine Publikation zu Fragen des digitalen Fortschritts, die weiterhin auch auf Papier erscheint. Eingeprägte Verhaltensmuster wie unser Leseverhalten ändern sich oftmals nur langsam. Welche Bedeutung haben Wettbewerbe wie der CeBIT Innovation Award, um innovative Technik und Verhaltensvorlieben stärker in Einklang zu bringen?
Innovation funktioniert nur, wenn sie auf Verhaltensvorlieben trifft oder neue Verhaltensvorlieben schafft. Sei es eine einfachere Art online fernzusehen oder via Webtool einen neuen Zahlungsverkehr für seine Kunden zu schaffen. Es gibt immer noch Industrien, in denen zum Beispiel mit Fax gearbeitet wird.

Muss das heute noch sein? Oder gibt es da nicht schlauere Wege? Alle Industrien müssen sich im Zuge der Digitalisierung auf neue Verhaltensmuster einstellen. Oder: auf sich immer schneller verändernde Verhaltensvorlieben. Die vielleicht größte Herausforderung ist, dass es für uns alle Bereiche und Dinge gibt, von denen wir noch nicht einmal wissen, dass wir nichts von ihnen wissen. Wettbewerbe wie der CeBIT Innovation Award können helfen, mehr Sichtbarkeit zu schaffen und aufkommende Trends zu erkennen.


Während ‚Usability’ für Ihre Leserschaft genauso wie für alle anderen Nutzerinnen und Nutzer eine tägliche Selbstverständlichkeit ist, macht die Breite der Begriffsdefinition eine öffentliche Diskussion mitunter schwierig. Wie würden Sie ‚Usability’ eigentlich definieren?
„Der Kunde ist König“ ist eine der vielleicht abgedroschensten, aber dennoch oft vernachlässigten Regeln der Customer Relations. Jeder Gast eines Restaurants erwartet, dass er nicht nur ein gutes Produkt, sprich hervorragendes Essen, bekommt. Er erwartet auch einen guten Service. Entweder schnell an der Fast-Food-Theke. Oder persönlich beraten an einer Tafel mit weißer Tischdecke. Guter Service ist wie gute Usablity: Einfach, schnell, zuvorkommend. Für den User eine Selbstverständlichkeit, für Unternehmen eine Herausforderung – und eine Chance.

Welche Perspektiven sind für Sie als Technik- und Innovationsjournalist bei den Themen Usability und User Experience ganz besonders von Bedeutung?
Gute Usability merkt der Kunde im Idealfall gar nicht. Weil das Produkt so gut funktioniert, dass er sich darüber keine Gedanken macht. Schlechte Usability merkt er hingegen sofort. Wenn etwas nicht funktioniert, probiert er es vielleicht noch einmal. Wenn er sehr geduldig ist, vielleicht sogar ein drittes Mal. Aber wenn es dann wieder nicht funktioniert, ist der User vielleicht für immer verloren. Eine hervorragende User Experience muss darum Kern und Anspruch jeder IT-Anwendung sein.

Sie sind soeben als neues Jurymitglied des CeBIT Innovation Award berufen worden. Wo steht der Preis Ihrer Ansicht nach derzeit und welche Impulse wollen Sie in Zukunft setzen?

Der Award schafft es, neue Ideen zu fördern und Erfinder zu ermutigen. Denn gerade Innovationen aus Deutschland können mehr Sichtbarkeit gebrauchen, auch im internationalen Wettbewerb. Dass Usability eine wichtige Rolle spielt, ist wichtig. Denn es gibt leider immer noch viele schlaue Ideen, die scheitern, weil Umsetzung und Benutzerfreundlichkeit ungenügend sind. Der CeBIT Innovation Award ist eine Chance für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

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