User Experience im Kontext Smart Home

User Experience im Kontext Smart Home – die smarte Schnittstelle reicht nicht

Ein hohes Maß an User Experience ist bei Produkten, handelt es sich um interaktive Systeme, für die Nutzer immer häufiger kaufentscheidend. So auch bei Produkten im Smart Home-Kontext. In den Köpfen der Produkthersteller ist dies angekommen, wie aktuelle Stellengesuche der Unternehmen nach „Senior User Experience Manager Smart Home“ oder „User Experience Designer for the Smart Home Division“ bestätigen.Leider wird die User Experience im Zusammenhang mit Smart Home Lösungen oft nicht ganzheitlich betrachtet. Diese unvollständige Betrachtung soll im folgenden Beitrag beleuchtet werden.

Das Maß an User Experience kann im Fall von interaktiven Systemen kaufentscheidend sein [1]. Dabei erscheint die Begründung zunächst paradox: Je mehr ein Nutzer mit einem System interagieren muss, umso besser muss das individuelle Nutzererlebnis, die Nutzererfahrung (User Experience, UX) sein. Zusätzlich gilt auch: Je seltener ein System genutzt wird, desto entscheidender ist die Nutzererfahrung in den Momenten der Benutzung.

Ein Beispiel:

Die Nutzererfahrung mit Ihrem Smartphone muss hervorragend sein, sonst sind Sie täglich gefrustet und wünschen sich ein neues Gerät. Mal angenommen: Die Schnittstelle Ihrer Waschmaschine ist sehr kompliziert und Sie haben bei jedem Waschgang Probleme mit der Bedienung (vgl. Abbildung 1). Denken Sie nicht auch, dass dies ein ähnliches Gefühl erzeugt?

Abbildung 1: Unterschiede in der Benutzungsschnittstelle einer Waschmaschine

Entsprechend passen Hersteller die internen Entwicklungsprozesse oder Ideenfindungsprozesse auf die Integration zukünftiger Anwender/Nutzer in die Prozesse an. Methoden wie Lead User Workshops, Design Thinking etc. bieten Möglichkeiten, Systeme auf eine optimale Nutzererfahrung hin zu konzipieren und auf Basis des Feedbacks der Nutzer entsprechend zu implementieren. Vor allem in der Entwicklung von Lösungen für den Smart Home-Bereich – Lösungen, die Gebäude intelligenter und mittels Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) steuerbar machen – spielt die UX eine über Erfolg und Misserfolg entscheidende Rolle. Doch trotz der Einbeziehung des zukünftigen Anwenders setzt sich noch kein System am Markt wirklich durch [2]. Dies liegt vor allem an einer Tatsache: Es werden lediglich die Nutzer in die Entwicklung der Systeme einbezogen, andere Aspekte, wie bspw. die Umgebung des jeweiligen Nutzers, bleiben häufig außen vor.

Laut der zahlreichen Definitionen (s. Anmerkung) beschreibt der Begriff User Experience alle Aspekte der Erfahrungen eines Nutzers oder einer Nutzergruppe bei der Interaktion mit einem interaktiven Produkt, Dienst, einer Umgebung oder Einrichtung. Dazu zählen auch Software und IT-Systeme. Einige Definitionen beziehen die Nutzererfahrung auch auf den Gesamteindruck im Zusammenspiel mit dem Kontext, in welchem das System genutzt wird. Eben dieser Punkt ist die derzeitige Schwachstelle in der Entwicklung von Smart Home-Lösungen mit einem möglichst hohen Maß an User Experience:

Der Kontext eines Systems wird meist nicht beachtet oder zumindest vernachlässigt!

Aktuelle nutzerintegrierende Entwicklungsprozesse testen die Lösungen meist mit Kleingruppen der zukünftigen Anwender und häufig außerhalb des jeweiligen Kontextes.

Ein Beispiel:

Die zentrale Einheit zur Steuerung der Smart Home-Lösungen eines Herstellers ist der jeweilige SmartTV. Entsprechend wurde sehr viel Zeit in die Entwicklung einer intuitiven Benutzungsoberfläche sowie innovativer Bedienmechanismen investiert. Was aber, wenn das Gerät in einem Zimmer steht, in welchem die Sonneneinstrahlung ein Ablesen des Displays des SmartTV unmöglich macht, weil das verspiegelte Display kein Ablesen mehr zulässt?

Selbstverständlich kann der Nutzer hinsichtlich des Kontextes, in welchem er die angedachte Lösung nutzen möchte, befragt werden. Jedoch müssten dann alle Nutzer entsprechend befragt werden, was wiederum ökonomisch nicht sinnvoll ist. Des Weiteren kann es sein, dass die Rückmeldungen der Nutzer in einer reinen Befragung bzw. in einem Test der Geräte in Laborräumlichkeiten verfälscht werden, weil die Vorstellungskraft der Nutzer nicht ausreicht, um sich die Benutzung des Gerätes in der heimischen Wohnung vorzustellen.

An dieser Stelle fehlen innovative Ansätze, wie mobile Testumgebungen zur realitätsnahen Evaluation von Lösungen oder auch der Einsatz von Verteilungsmechanismen im Rahmen von Betaphasen von Produkten, damit diese entsprechend in den individuellen Umgebungen getestet werden können. Ansätze aus der Forschung gehen in diese Richtung und versuchen, die vielen verschiedenen Endanwender mit ihren unterschiedlichen Umgebungen in einen Entwicklungsprozess zu integrieren. Living Labs als Forschungsansatz liefern eine sehr gute Lösung.

Anmerkung: Es existiert eine Vielzahl an Definitionen für User Experience. Eine übersichtliche Auflistung, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, findet sich unter www.allaboutux.org/ux-definitions (abgerufen am 18.01.2015)

Abbildung 2: Das Living Lab Smart Home am FZI Forschungszentrum Informatik

In diesen Räumlichkeiten, die der Realwelt nachempfunden werden, besitzen die Rückmeldungen der Nutzer beim Test von Lösungen zum einen eine höhere Qualität und zum anderen können die Lösungen bereits in ihrer Zielumgebung getestet werden.

Zwei Beispiele:

So wird eine innovative Art von Joystick zur Bedienung des gesamten Infotainmentsystems in der Wohnung von Nutzern in Laborräumlichkeiten ganz anders bewertet, als wenn die Nutzer im Rahmen der Evaluation wirklich auf dem Sofa in einer Wohnung sitzen oder in der Küche stehen. Eine Funksteckdose bzw. ein Smart Plug, der zur Statusanzeige eine grüne LED besitzt, erhält aufgrund des Nutzerfeedbacks im Rahmen eines Tests im Schlafzimmer eine abgedimmte blaue LED, da die grüne LED im abgedunkelten Raum als zu hell empfunden wird.

Das sind Rückmeldungen, die man in Befragungen nur sehr schwer erhalten würde.
Es bedarf daher einer Art Context-aware Usability, aus welcher sich eine positive UX herleiten lässt. Nur so können die nächsten Innovationen im Smart Home Bereich hinsichtlich der UX wesentlich verbessert werden. Und hier kommen noch einige auf uns zu. Gerade im Zusammenhang mit dem Internet der Dinge wird die Herausforderung der Entwicklung von interaktiven Systemen mit einem hohen Maß an UX immer weiter wachsen. So ist die Integration von Sensorik, bspw. in unser Besteck, um unsere Essgewohnheiten aufzuzeichnen, sehr sinnvoll. Wenn der Nutzer aber jedes Mal die Gabel einschalten muss, bevor er essen kann, fördert das nicht die UX. Die Aufzeichnung unseres Schlafs mittels Sensorik in unseren Bettbezügen lässt uns unseren Schlaf analysieren und entsprechend verbessern, lässt die Bettdecke aber vielleicht so schwer werden, dass dies wiederum die UX nicht besser werden lässt. Fernseher, die mittels Eye-Tracking-Kameras unsere Pupillenbewegungen aufzeichnen und entsprechend die Aufnahme der aktuellen Sendung starten, wenn wir müde werden, sollten die Aufnahme nicht starten, wenn wir aufgrund der untergehenden Sonne etwas blinzeln müssen.

Eine Vielzahl an Herausforderungen, die vor allem durch die weiter voranschreitende Annäherung der Smart Home IKT in Richtung des Menschen (dies zeigt auch der Quantify yourself-Trend) gerade im Bereich der UX immer größer werden.

Entsprechend muss sowohl der Kontext als auch der Anwender selbst in die Entwicklung der interaktiven Systeme einbezogen werden, damit diese ein hohes Maß an UX unterstützen und der Anwender nicht gezwungen ist, nach der ersten Euphorie hinsichtlich des neuen Produktes in die Erstellung einer Mängelliste überzugehen, weil man mit dem Neugekauften nicht zufrieden ist.

Literatur

[1] Christian Moser: User Experience Design: Mit erlebniszentrierter Softwareentwicklung zu Produkten, die begeistern, 2012.

[2] BITKOM: Eine Million Smart Homes bis 2020,
      www.bitkom.org/de/presse/81149_80552.aspx, abgerufen am 07.02.2015.

Der Autor

Dr. Stefan Hellfeld ist Leiter des FZI House of Living Labs. Nach dem Abschluss seines Informatik-Studiums mit Nebenfach Medien-Wissenschaften an der Eberhard Karls Universität Tübingen im Jahr 2007 arbeitete er zunächst auf dem Gebiet der Softwareentwicklung von mobilen Assistenzsystemen. Im Oktober 2007 folgte die Anstellung als Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter am FZI Forschungszentrum Informatik im Themengebiet mobile Business.

Im Anschluss an sein erfolgreich abgeschlossenes Promotionsverfahren übernahm Dr. Stefan Hellfeld im Januar 2013 die Leitung des FZI House of Living Labs. Dort koordiniert er ein Team aus acht Lab-Leitern, ist für die Weiterentwicklung des FZI House of Living Labs zuständig, verantwortet die Innovationsgenerierung im FZI House of Living Labs sowie nicht zuletzt die Identifikation neuer interdisziplinärer Forschungsthemen.

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