Die unsichtbaren UX-Expertinnen

Die unsichtbaren UX-Expertinnen

Die These: Es gibt nur wenige Usability-Fachfrauen. Ihr Wahrheitsgehalt: gering. Die Konsequenz: Frauen müssen in diesem Bereich stärker gefördert werden.

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„... aber es gibt so wenige Frauen“ – ein häufig gehörtes Argument, mit dem IT-Veranstalter den geringen Frauenanteil auf ihren Events zu erklären versuchen und Journalisten rechtfertigen, dass sie mal wieder fast nur Männer den neuesten Digitaltrend kommentieren lassen. Zumindest öffentlich wirkt es immer wieder, als sei die Frauenquote äußerst gering – in der Digitalbranche insgesamt genau wie in Fachbereichen wie User Experience Design. Zuletzt waren beispielsweise beim World Usability Day in Hamburg weniger als 20 Prozent der Panelisten und Workshopleiter Frauen, um nur ein aktuelles Beispiel zu nennen.

„Aus der geringen Präsenz von Frauen auf den Bühnen von Digitalveranstaltungen oder bei Preisverleihungen zu schlussfolgern, es gebe wenige Frauen in der UX-Branche, ist falsch“, meint jedoch Astrid Beck, selbständige Usability Expertin. Sie ist gefragte Rednerin und Dozentin zum Thema UX und weiß: „Jobs in diesem Bereich sind sehr kommunikationsreich und im Gegenteil sogar prädestiniert für Frauen.“

Belastbare Zahlen zum genauen Frauenanteil lassen sich angesichts der Vielseitigkeit des Berufsbilds kaum bekommen. Als ungefähre Orientierung taugt beispielsweise der German UPA, der Berufsverband der Deutschen Usability Professionals, unter dessen rund 1.200 Mitgliedern sich nach eigener Aussage etwa 600 Frauen befinden. Das wären 50 Prozent, die der These von zu wenigen Frauen auf jeden Fall widersprechen. Es gibt sogar Hochschulen, deren UX-Studienfächer wegen des hohen Designanteils deutlich mehr weibliche als männliche Studierende haben; erst wenn es technischer wird, scheint sich das Gewicht zu verlagern.

Oftmals überwiegen männliche Teilnehmer auf den Bühnen vieler IT-Veranstaltungen.


Falsche Zurückhaltung als Grund

Statt eine Frage der Anzahl, ist es eine Frage der Sichtbarkeit. Usability- und UX-Expertinnen und -Experten führender deutscher Unternehmen wie Otto oder XING bestätigen dies. Häufig liegt die Erklärung in den höheren Hierarchieebenen, ist eine Frage der Arbeitsumgebung, -stimmung und -ansprache. Immer wieder hört man jedoch von einer tiefsitzenden falschen Zurückhaltung, die viele Expertinnen zu plagen scheint: Die durchschnittliche Frau im Berufsleben – das zeigen Jahre der Beschäftigung mit diesem Thema – neigt dazu, weniger schnell und weniger häufig ihre Arbeit in den Fokus zu rücken, will erst 120 Prozent gegeben haben, bevor sie sich damit auf eine Bühne stellt. Währenddessen steigen ihre männlichen Kollegen mit gleichguten oder schlechteren Leistungen zu den einflussreichsten Persönlichkeiten der Branche auf.

Selbst wenn sich rein nominell nur langsam etwas ändert in irgendwie mit IT zusammenhängenden Feldern – noch immer ist auch gerade mal einer von vier deutschen Informatik-Studenten weiblich –, hat der notwendige Paradigmenwechsel doch begonnen: Veranstalter etwa können es sich immer seltener erlauben, reine Männerrunden zu besetzen. Das Ungleichgewicht bei den Repräsentanten der Digitalbranche fällt immer häufiger negativ auf und Events, die sich um Ausgeglichenheit bemühen, erfahren eine deutliche Aufwertung.

Ein minimaler „Schubs“


Zwei Aspekten wird eine Schlüsselrolle zugesprochen, wenn es darum geht, die Sichtbarkeit von Frauen in digitalen Berufen zu erhöhen: zum einen weiblichen Vorbildern. „Ein Mangel an weiblichen Vorbildern kann dazu führen, dass Frauen meinen, wie Männer arbeiten und führen zu müssen, damit aber keinen Erfolg haben, was dann ein hohes Frustrationspotential birgt“, warnt Yeli Tong, die als UX-Designerin schon bei Start-ups wie mytaxi gearbeitet hat und jetzt bei XING tätig ist. Sie engagiert sich deswegen auch bei den Geekettes, einem von mehreren Netzwerken in Deutschland, in denen Frauen aus der Digitalbranche sich zusammenschließen (ohne Männer auszuschließen) und einander unbürokratisch in Karrierefragen unterstützen.

UX-Veranstaltungsurgestein Matthias Müller-Prove (UX Roundtable Hamburg, Raum Schiff Erde) ist zwar überzeugt, Frauen in der Branche hätten es nicht nötig, „über das Frauenticket um Aufmerksamkeit zu werben“. Doch auch er weiß um die Schwierigkeiten für weibliche Business Professionals und bemerkt positiv, dass Frauen manchmal nur „minimal einen Schubs“ brauchen – und das ist der zweite wesentliche Aspekt –, um zum Beispiel zu Rednerinnen in ihrem Fachbereich zu werden.

Es ist dieser Schubs, der zu den zentralen Errungenschaften von Initiativen wie den Digital Media Women*, der Women Speaker Foundation oder international dem Lean-In-Netzwerk um Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg gehört. Das sind Beispiele für Initiativen, die voller positiver Vorbilder sind und so für sich genommen die dringend notwendige Sichtbarkeit für Frauen schaffen.

 

Weiterführende Links zum Thema:

  • Das kürzlich bei einem Hackathon entstandene Projekt „Rent a rolemodel“ verknüpft Schülerinnen mit erfolgreichen Frauen aus der IT-Wirtschaft.
  • Die im Aufbau befindliche Speakerinnen-Datenbank der Digital Media Women gibt einen Überblick über kompetente Rednerinnen zu digitalen Themen.
  • Nach eigenen Angaben 50/50-Verteilung von Männern und Frauen: im Berufsverband für UX und Usability.

Die Autorin

Carolin Neumann leitet das VOCER Innovation Medialab, ein Stipendienprogramm für Innovation im Journalismus. Als freie Autorin, Dozentin und Rednerin beschäftigt sie sich mit der digitalen Gesellschaft und der Zukunft der Medien. Sie ist Initiatorin, Mitgründerin und Vorsitzende des Digital Media Women e. V., eines Branchennetzwerks, das sich für mehr Sichtbarkeit von Frauen in digitalen Medien einsetzt.

 

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